Abschied vom Wahn

Abschied vom Wahn

Fortsetzung meines Gespräches mit Friedrich Nietzsche

Theile I. bis VII.

aktualisiert 10. November 2014 um 4:00 Uhr

OOD Der Antichrist und sein Widersacher OOD

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Der Antichrist.

Fluch auf das Christenthum.

Vorwort.

Dies Buch gehört den Wenigsten. Vielleicht lebt selbst noch Keiner von ihnen. Es mögen die sein, welche meinen Zarathustra verstehn: wie dürfte ich mich mit denen verwechseln, für welche heute schon Ohren wachsen? — Erst das Übermorgen gehört mir. Einige werden posthum geboren.

Anmerkung. Heute ist Übermorgen und dir gehört immer noch gar nichts, sage ich als einer, der posthum geboren wurde, 74 Jahre später und 126 Jahre nach dem Segen. Aber so gehört dies Buch wohl mir, einem der Wenigen, die in der Tiefe deine Überlegungen – wahrlich du hast dich nicht geschont – verstanden hat. Ach, gerne würde ich mich mit dir, einem der wirklich großen Propheten und Philosophen, streiten, weil dein Herz größer als dein verengter Verstand gewesen ist.

Und, ach, was soll ich dir sagen? Nach Art der Dummen, jenen, die das Wort Exegese kaum schreiben, geschweige denken können, wird an dein Werk – so unzerstörbar, wie die Wahrheit selber – in der Manier der Psychologie eines Wochenblattes der Bordell-Journaille herangegangen: man weiß, warum du in Umnachtung „des Geistes“ und Erblindung deines Augenlichtes zu den Ahnen heimgegangen bist!

Und das muss ich mir anhören, von Leuten mit Augen im Kopf, die nichts erkennen und den Wesen vom Staube der Erde mit Ohren, die nichts verstehen, aber alles zu deuten wissen. Von jenen, dir ihr eigenes Elend all ihr Leben lang schönreden, ihre Feigheit den Mut zur Klugheit nennen und ihre Hohlheit an Gedanken schamlos als Erkenntnis preisen. Es hat sich nichts geändert: ihren Aberglauben halten sie nach wie vor für das A&O allen Seins.

Sie geben sich mit den Krümeln, die von der Herren Tische fallen, hündisch zufrieden. Und elender als ihr Leben, gehen sie noch elender zugrunde. Ohne Anteilnahme an der Zerstörung und dem Mord, aber mit viel Wut gegen ihr eigenes Sein und überhaupt das Leben der Menschen-Zukunft.

Die Bedingungen, unter denen man mich versteht und dann mit Nothwendigkeit versteht, — ich kenne sie nur zu genau. Man muss rechtschaffen sein in geistigen Dingen bis zur Härte, um auch nur meinen Ernst, meine Leidenschaft auszuhalten. Man muss geübt sein, auf Bergen zu leben — das erbärmliche Zeitgeschwätz von Politik und Völker-Selbstsucht unter sich zu sehn. Man muss gleichgültig geworden sein, man muss nie fragen, ob die Wahrheit nützt, ob sie Einem Verhängniss wird…

… ja, man muss die Angst überwunden haben, alle Sicherheit fahren lassen, weil sie eh nicht einmal Schein, nicht einmal Schatten sind, und auf die sich kein Mensch verlassen soll, weil es die leeren Hüllen niemals existenter Gespenster, bloße Halluzinationen sind, die auf Hypnose des Verstandes und der vorhergehenden Narkotisierung des Bewusstseins beruhen.

Eine Vorliebe der Stärke für Fragen, zu denen Niemand heute den Muth hat; der Muth zum Verbotenen; die Vorherbestimmung zum Labyrinth. Eine Erfahrung aus sieben Einsamkeiten. Neue Ohren für neue Musik. Neue Augen für das Fernste. Ein neues Gewissen für bisher stumm gebliebene Wahrheiten. Und der Wille zur Ökonomie grossen Stils: seine Kraft, seine Begeisterung beisammen behalten…

Die Ehrfurcht vor sich; die Liebe zu sich; die unbedingte Freiheit gegen sich

Mehr hast du dir abverlangt, viel darfst du deshalb fordern. Alle anderen sind Quasselstrippen. Die Künstler der Verführung, die mit den Worten der Wahrheit zu lügen, zu reizen, zu hetzen wissen, um zum Hass aufzustacheln, der sich aber ganz mutlos verkriecht, wird auch nur das Wort „Recht“ oder „Gewalt“ ausgesprochen, um die Elenden total zu verwirren und sie weiter und weiter in das Verlies eines feigen Nicht-Denkens, eines feigen Nicht-Handelns zu stoßen. Aber sie wagen es sogar noch, sich ihre Phantasmen als „Mut zur Wahrheit“ einzureden, die doch nichts weiter ist, als eine Meinung, an der sie sich in einer Stunden nicht einmal mehr erinnern können.

Wohlan! Das allein sind meine Leser, meine rechten Leser, meine vorherbestimmten Leser: was liegt am Rest? — Der Rest ist bloss die Menschheit. — Man muss der Menschheit überlegen sein durch Kraft, durch Höhe der Seele, — durch Verachtung…

Sodann! So will ich hören und dich verstehen lernen.

Friedrich Nietzsche.

Georg Löding

1.

Sehen wir uns ins Gesicht. Wir sind Hyperboreer, — wir wissen gut genug, wie abseits wir leben. „Weder zu Lande, noch zu Wasser wirst du den Weg zu den Hyperboreern finden“: das hat schon Pindar von uns gewusst. Jenseits des Nordens, des Eises, des Todes — unser Leben, unser Glück…

Wir haben das Glück entdeckt, wir wissen den Weg, wir fanden den Ausgang aus ganzen Jahrtausenden des Labyrinths. Wer fand ihn sonst? — Der moderne Mensch etwa? „Ich weiss nicht aus, noch ein; ich bin Alles, was nicht aus noch ein weiss“ — seufzt der moderne Mensch…

An dieser Modernität waren wir krank, — am faulen Frieden, am feigen Compromiss, an der ganzen tugendhaften Unsauberkeit des modernen Ja und Nein. Diese Toleranz und largeur des Herzens, die Alles „verzeiht“, weil sie Alles „begreift“, ist Scirocco für uns. Lieber im Eise leben als unter modernen Tugenden und andren Südwinden!…

Wir waren tapfer genug, wir schonten weder uns, noch Andere: aber wir wussten lange nicht, wohin mit unsrer Tapferkeit. Wir wurden düster, man hiess uns Fatalisten. Unser Fatum — das war die Fülle, die Spannung, die Stauung der Kräfte. Wir dürsteten nach Blitz und Thaten, wir blieben am fernsten vom Glück der Schwächlinge, von der „Ergebung“…

Ein Gewitter war in unsrer Luft, die Natur, die wir sind, verfinsterte sich —denn wir hatten keinen Weg. Formel unsres Glücks: ein Ja, ein Nein, eine gerade Linie, ein Ziel…

Ein Laster, heute sagt man Irresein, wird der Mut zum Leben jetzt genannt. Nur im Glücksspiel ist das heute noch gestattet, für das der Mensch auch noch bezahlen muss. Die Wirklichkeit der Sklaven heute, sie findet in der Unterhaltung statt: die bunten Bilder und absurden Worte aus einem Plastikkasten sind jetzt die Realitäten, obwohl es nur Theater ist, die große Show der Lügen: im Vornherein erdacht, dann aufgeschrieben und mit Regie, Anleitung und Unterweisung vor eine Kamera gebracht und ständig wiederholt bis zum Erbrechen. Das Volk, die Masse, es dürstet sie nach Brot und Spielen mehr als zuvor, denn sie hat nichts zu tun, kein Tun, kein Ziel, kein Siegen – es geht darum zu konsumieren bis ganz verblödet und todkrank. Das ist die Heile deutsche Welt von Heute.

Und dich, dich hat man wohl vergessen. Dich den einzigen „deutschen“ Propheten, den größten Weisen unter all den sogenannten Philosophen, verschmäht dich hat man ganz verjagt. Geblieben ist ein Achselzucken.

2.

Was ist gut? — Alles, was das Gefühl der Macht, den Willen zur Macht, die Macht selbst im Menschen erhöht.

Was ist schlecht? — Alles, was aus der Schwäche stammt.

Was ist Glück? — Das Gefühl davon, dass die Macht wächst, dass ein Widerstand überwunden wird. Nicht Zufriedenheit, sondern mehr Macht; nicht Friede überhaupt, sondern Krieg; nicht Tugend, sondern Tüchtigkeit (Tugend im Renaissance-Stile, virtù, moralinfreie Tugend)

Die Schwachen und Missrathnen sollen zu Grunde gehn: erster Satz unsrer Menschenliebe. Und man soll ihnen noch dazu helfen.

Was ist schädlicher als irgend ein Laster? — Das Mitleiden der That mit allen Missrathnen und Schwachen — das Christenthum…

Nun, auch du fandst deine Diener, ganz sicher nicht so, wie von dir gedacht; das Edle, das Gute, das Schöne, das Wohlgeratene, der Anstand, die Ehre, der Menschenliebe wurde der Krieg erklärt: das Mitleiden mit der Tat aller Verbrecher, das Verständnis für die Gauner und Betrüger der Welt, der Kot und Abfall der Welt, die mit den Worten der Wahrheit am besten lügen, dies sind heute die Abgeordneten der Masse, ihre Anwälte und Richter.

Der Gewalt wurde Tür und Tor geöffnet, sie wird nun Freiheit genannt, der Mord eine Notwendigkeit, der Massenmord eine Rechtfertigung für eine bessere Welt. Wer heute dagegen Nein sagt, ist, wenn nicht gleich ein extremistischer Terrorist, so doch verdächtig, gleich als ein komischer Kauz oder Irrer zu gelten. „Die Großen hängt man, die Kleinen lässt man laufen.“ Ja, sie werden auf offener Straße erschossen, mit Drohnen, die ein Vermögen kosten, wird ein einzelner Mensch gejagt und vernichtet, damit die Masse der Feiglinge sich auch wirklich duckt und das Maul hält.

3.

Nicht, was die Menschheit ablösen soll in der Reihenfolge der Wesen, ist das Problem, das ich hiermit stelle (— der Mensch ist ein Ende —): sondern welchen Typus Mensch man züchten soll, wollen soll, als den höherwerthigeren, lebenswürdigeren, zukunftsgewisseren.

Dieser höherwerthigere Typus ist oft genug schon dagewesen: aber als ein Glücksfall, als eine Ausnahme, niemals als gewollt. Vielmehr ist er gerade am besten gefürchtet worden, er war bisher beinahe das Furchtbare; — und aus der Furcht heraus wurde der umgekehrte Typus gewollt, gezüchtet, erreicht: das Hausthier, das Heerdenthier, das kranke Thier Mensch, — der Christ…

So hast du schon im Jahre 1888 erkannt, wohin sie führen muss, die Zucht des Menschen. Erschreckend aktuell, doch weit schon überschritten. Schon züchtet unser Todeskult den Menschen ganz ein Klon, von Außen schön im Kopfe hohl, der Mensch gemachte Super-Sklave, die Freiheit in Person. Heute tun sie groß auf Nihilisten und sind die Ausgeburt von deinen Christen. Und alle gute Welt hat das erkannt, doch hängen sie am Unverstand. Nackt und bloß, blind und krank.

4.

Die Menschheit stellt nicht eine Entwicklung zum Besseren oder Stärkeren oder Höheren dar, in der Weise, wie dies heute geglaubt wird. Der „Fortschritt“ ist bloss eine moderne Idee, das heisst eine falsche Idee. Der Europäer von Heute bleibt, in seinem Werthe tief unter dem Europäer der Renaissance; Fortentwicklung ist schlechterdings nicht mit irgend welcher Nothwendigkeit Erhöhung, Steigerung, Verstärkung.

In einem andren Sinne giebt es ein fortwährendes Gelingen einzelner Fälle an den verschiedensten Stellen der Erde und aus den verschiedensten Culturen heraus, mit denen in der That sich ein höherer Typus darstellt: Etwas, das im Verhältniss zur Gesammt-Menschheit eine Art Übermensch ist. Solche Glücksfälle des grossen Gelingens waren immer möglich und werden vielleicht immer möglich sein. Und selbst ganze Geschlechter, Stämme, Völker können unter Umständen einen solchen Treffer darstellen.

5.

Man soll das Christenthum nicht schmücken und herausputzen: es hat einen Todkrieg gegen diesen höheren Typus Mensch gemacht, es hat alle Grundinstinkte dieses Typus in Bann gethan, es hat aus diesen Instinkten das Böse, den Bösen herausdestillirt, — der starke Mensch als der typisch Verwerfliche, der „verworfene Mensch“. Das Christenthum hat die Partei alles Schwachen, Niedrigen, Missrathnen genommen, es hat ein Ideal aus dem Widerspruch gegen die Erhaltungs-Instinkte des starken Lebens gemacht; es hat die Vernunft selbst der geistig stärksten Naturen verdorben, indem es die obersten Werthe der Geistigkeit als sündhaft, als irreführend, als Versuchungen empfinden lehrte. Das jammervollste Beispiel — die Verderbniss Pascals, der an die Verderbniss seiner Vernunft durch die Erbsünde glaubte, während sie nur durch sein Christenthum verdorben war!

Deshalb heiße ich es auch nicht Christentum, sondern den Todeskult und schon auf keinen Fall eine „Religion des Lebens“. Denn der Todeskult lehrt, dass der Mensch ein Böses Sein ist, der deshalb zur verkehrten Tat schreiten muss, die dann bestätigt, dass er von seinem ganzen Sein her schuldig ist. Denn wie kann überhaupt aus dem Bösen etwas Gutes hervorgehen? steht doch in dem, was sie die „Evangelien“ nennen, dass ein guter Baum, gute und ein schlechter Baum, schlechte Früchte hervorbringt, und ein guter Baum, keine schlechten Früchte und ein schlechter Baum keine guten hervorbringen kann. Matthäus 7:17.18

Und wie hätte ER es denn besser veranschaulichen können, dass der Mensch ein Gutes-Sein ist, als durch diesen absurden Vergleich vom „guten“ und vom „schlechten“ Baum – als ob jemals ein Mensch auch nur einen schlechten Baum erkannt, geschweige denn, entdeckt hätte! Da doch die Erde, aus der doch auch der Mensch geschaffen ist, noch niemals etwas schlechtes hervorgebracht hat. Oder lehrte ER etwa nicht, dass der „an sich gute“ (ἀγαθὸς agathos) Mensch aus dem „an sich guten“ Schatz seines Herzens, das Gute hervorbringe? ER nennt damit den Menschen gut, mit einem guten Herzen und erhebt das Innere des Menschen zu einem wertvollen Gut, nämlich einen Schatz! Lukas 6:45 Matthäus 12:35

Was in aller Welt, kann daran mißverstanden werden?

Und nennt er nicht den „schlechten“ Baum, den „schlechten“ Menschen, nur denjenigen, der sich „in seinen Gedanken – im Inneren des Herzens – abplagt, müht, schuftet, plagt, quält (πονηρός ponéros) statt dem Leben – dem immer Gegenwärtigen Sein – selbst zu vertrauen?

Was in aller Welt, kann daran mißverstanden werden?

6.

Es ist ein schmerzliches, ein schauerliches Schauspiel, das mir aufgegangen ist: ich zog den Vorhang weg von der Verdorbenheit des Menschen. Dies Wort, in meinem Munde, ist wenigstens gegen Einen Verdacht geschützt: dass es eine moralische Anklage des Menschen enthält. Es ist — ich möchte es nochmals unterstreichen — Moralin frei gemeint: und dies bis zu dem Grade, dass jene Verdorbenheit gerade dort von mir am stärksten empfunden wird, wo man bisher am bewusstesten zur „Tugend“, zur „Göttlichkeit“ aspirirte. Ich verstehe Verdorbenheit, man erräth es bereits, im Sinne von décadence: meine Behauptung ist, dass alle Werthe, in denen jetzt die Menschheit ihre oberste Wünschbarkeit zusammenfasst, décadence-Werthe sind.

Ich nenne ein Thier, eine Gattung, ein Individuum verdorben, wenn es seine Instinkte verliert, wenn es wählt, wenn es vorzieht, was ihm nachtheilig ist. Eine Geschichte der „höheren Gefühle“, der „Ideale der Menschheit“ — und es ist möglich, dass ich sie erzählen muss — wäre beinahe auch die Erklärung dafür, weshalb der Mensch so verdorben ist.

Das Leben selbst gilt mir als Instinkt für Wachsthum, für Dauer, für Häufung von Kräften, für Macht: wo der Wille zur Macht fehlt, giebt es Niedergang. Meine Behauptung ist, dass allen obersten Werthen der Menschheit dieser Wille fehlt, — dass Niedergangs-Werthe, nihilistische Werthe unter den heiligsten Namen die Herrschaft führen.

Und hier hast du geirrt. Denn oben klagst du noch über die „Verderbnis des Pascals“ und gehst hier pauschal von der Verderbnis des Menschen aus, „weil“es seine Instinkte verliert, wenn es wählt, wenn es vorzieht, was ihm nachtheilig ist, aber eine Wahl ist es doch gar nicht, wurde der Mensch doch vom Todeskult gefangen genommen, hat der Todeskult sich doch den Menschen unterworfen, ihn „kulturell“ und „religiös“ mit Hilfe einer absurden Sprache geprägt, geformt, ja programmiert – nämlich in seiner „Vorstellungswelt“, seinen „Gedanken“ dressiert. Und zwar zum „bösen“ – eben zum falschen – Denken erzogen!

Damit wurde der Mensch verdorben, das hat er sich nicht ausgesucht: denn er wird ja bereits in die Sklaverei der Verderbnis hineingeboren, in eine „Kultur“, eine „Zivilisation“, die doch nur zwischen den verschiedenen „Graden“ ihrer Verderbnis überhaupt zu unterscheiden weiß, in der von einer „Wahrheit“ ausgegangen wird, die ein Lüge ist, nämlich, dass der Mensch ein Böses Sein wäre und damit schuldig ist.

Und gerade dies ist die Lebensverneinung, der Nihilismus an sich. In der Logik des Todeskultes kann es gar keine Lebensbejahung, keine Besserung „zur Guten Entwicklung zum Besseren oder Stärkeren oder Höheren“ geben, denn das „Gute“ muss dort immer das Gegenteil von „Böse“ sein, fern und unerreichbar, weil das Gute ja gar nicht vorhanden ist. Es ist lediglich ein „Ideal“, um die „Grade des Bösen“ messen zu können. Dadurch erst wurde das Gute zu einem Phantasma, dass es notwendigerweise erst in einem späteren Dasein, einem Paradies, einem Jenseits, eines ewigen Himmels geben kann, was sich der Mensch auch noch durch ein Abplagen, Mühen, Schuften, Plagen, Quälen (πονηρός ponéros) aneignen, erwerben, sich verdienen muss.

7.

Man nennt das Christenthum die Religion des Mitleidens. — Das Mitleiden steht im Gegensatz zu den tonischen Affekten, welche die Energie des Lebensgefühls erhöhn: es wirkt depressiv. Man verliert Kraft, wenn man mitleidet. Durch das Mitleiden vermehrt und vervielfältigt sich die Einbusse an Kraft noch, die an sich schon das Leiden dem Leben bringt.

Das Leiden selbst wird durch das Mitleiden ansteckend; unter Umständen kann mit ihm eine Gesammt-Einbusse an Leben und Lebens-Energie erreicht werden, die in einem absurden Verhältniss zum Quantum der Ursache steht (— der Fall vom Tode des Nazareners).

Tja, was aber ist denn Leiden mehr als ein bloßes Gefühl, also eine rein körperliche Reaktion, die als unangenehm empfunden wird, weil unsere Kunstwelt die angepriesenen Wohltaten, Versprechungen und Verheißungen, die zudem auf falschen Annahmen, Vermutungen und Vorstellungen beruhen, selbst nie erfüllen kann, weil es sich um Unmöglichkeiten handelt, die notwendigerweise ihrer Logik nach zur Enttäuschung führen müssen; im Grunde das eigene Weltbild erschüttern müsste? Als „Trost“ bleibt einem in der Welt des Todeskultes eben nur das „Leiden“ und als Schönfärberei des ganzen Verderben gesellt sich dann das Mitleid, das den ganzen Zustand noch verschlimmert.

Nun wäre aber der Fall vom Tode des Nazareners niemals Ursache des Leidens oder des Mitleidens geworden, hätte der Todeskult Seinen Tod nicht zur Ursache gemacht! Denn der Todeskult lehrt doch gerade, dass das Böse-Sein des Menschen der Grund für Seinen Tod gewesen wäre: „Meine“ Schuld – die ich gar nicht habe, ja, nicht haben kann, weil es sie doch gar nicht gibt – habe Ihn, „der von keiner Sünde wusste“ ans Kreuz gebracht. Klar, nach über 1400 Jahren Todeskult Propaganda kann das selbstverständlich in die Texte des sogenannten „Neuen Testamentes“ – allein die Bezeichnung ist ja schon unsinnig, hohl und albern – hineingelegt und entsprechend der kranken Lehre des Todeskultes „ausgelegt“ und interpretiert werden. Als Philologe hättest du das wissen müssen!

Und dies ausdrücklich gegen Seine eigenen Aussagen, wie sie überliefert wurden, nach denen es Sein eigener, freier Wille und seine ureigenste Entscheidung war, sich verhaften, verurteilen und hinrichten zu lassen. Er musste doch sogar einem seiner besten Freunde – Judas Ischariot – Befehl erteilen, ihn zu verraten. So wie wir in unserem Denken geprägt und konditioniert wurden, kann das doch gar nicht anders bewertet werden, als dass der Nazarener irre, verrückt und wahnsinnig gewesen sein muss! Es spricht da alles gegen den „gesunden“ Menschenverstand, gegen „die Weisheiten und die Weisen dieser Welt“

Und ein Märtyrer, wie wir diesen Begriff verstehen – auch wieder viele Jahrhunderte entsprechend „gelehrt“ wurden – ist er nicht gewesen, obwohl er selbstverständlich ein Zeuge gewesen ist 

denn durch Wort und Tat, wollte und hat er bezeugt, wer ER ist. Und dabei ging es Ihm gar nicht um Ihn selber, sondern um Seine eigene Lehre, Seine Botschaft, Seine Lehre der Liebe, Seine Lehre der Wahrheit, nämlich dass der Mensch ein gutes Sein ist, dass es gar keinen Gott gibt, der Opfer will, verlangt oder fordert!

Und nun hatte sich doch die „jüdische“ Religion bereits zu einem vollkommen absurden Kult entwickelt, in der bereits das Blut von „kultisch“ reinen Tieren, selbst ein Zeugnis war. Ein Kult und Ritus fern vom wirklichen Leben, weit entfernt und entfremdet vom Menschen selbst. Ein Kult, der sich übrigens bereits über die gesamte damals „bekannte“ Welt Europas, Nordafrikas, Arabiens bis nach Indien ausgebreitet hatte.

Mit Seinem Tod „besiegelt“ Er „durch Sein Blut“, dass Seine Lehre die Wahrheit ist, nämlich dass der Mensch ein gutes Sein, ein gutes Gut, ein heiliges Sein ist, und er widerlegt damit gleichzeitig – nicht nur symbolisch – sondern mit allem, was ein Mensch hat, mit allem, wer ein Mensch ist, mit dem ganzen Leben eben, dass die Lehre, der Mensch sei ein Böses Sein und schuldig, Lüge ist.

Das ist der erste Gesichtspunkt; es giebt aber noch einen wichtigeren. Gesetzt, man misst das Mitleiden nach dem Werthe der Reaktionen, die es hervorzubringen pflegt, so erscheint sein lebensgefährlicher Charakter in einem noch viel helleren Lichte.

Das Mitleiden kreuzt im Ganzen Grossen das Gesetz der Entwicklung, welches das Gesetz der Selection ist. Es erhält, was zum Untergange reif ist, es wehrt sich zu Gunsten der Enterbten und Verurtheilten des Lebens, es gibt durch die Fülle des Missrathnen aller Art, das es im Leben festhält, dem Leben selbst einen düsteren und fragwürdigen Aspekt.

Ein solches „Gesetz“ gibt es nicht. Und gäbe es ein solches Gesetz, so könnte es hier gar nicht angewendet werden. Nicht das Mitleiden „erhält, was zum Untergang reif ist“; nicht das Mitleiden „wehrt sich zu Gunsten der Enterbten und Verurteilten des Lebens“; nicht das Mitleiden „gibt durch die Fülle des Missrathnen aller Art, das es im Leben festhält, dem Leben selbst einen düsteren und fragwürdigen Aspekt“, sondern

Vielmehr ist es so, dass es das Leben selber ist, das sich dem Todeskult – meinetwegen sogar durch das Mitleid – erwehrt und entgegenstellt, der doch erst die Menschen zum Untergang „reif“ gemacht hat. Der Todeskult hat die Menschen erst des Lebens enterbt, des Lebens entfremdet, sie irre und wahnsinnig gemacht; es sind die Verurteilten des Todeskultes und nicht des Lebens; die Fülle des Missratenen aller Art sind Werk, Schöpfung und Ergebnis des Todeskultes. Das alles hat seinen Ursprung nicht im Leben, schon gar nicht im biologischen Sein hat dies seine Begründung, sondern alles, was du mit Recht kritisierst, ist allein auf die Lügen-Lehre des Kultes zurückzuführen!!!

Man hat gewagt, das Mitleiden eine Tugend zu nennen (— in jeder vornehmen Moral gilt es als Schwäche —); man ist weiter gegangen, man hat aus ihm die Tugend, den Boden und Ursprung aller Tugenden gemacht, — nur freilich, was man stets im Auge behalten muss, vom Gesichtspunkte einer Philosophie aus, welche nihilistisch war, welche die Verneinung des Lebens auf ihr Schild schrieb.

Schopenhauer war in seinem Rechte damit: durch das Mitleid wird das Leben verneint, verneinungswürdiger gemacht, — Mitleiden ist die Praxis des Nihilismus. Nochmals gesagt: dieser depressive und contagiöse Instinkt kreuzt jene Instinkte, welche auf Erhaltung und Werth-Erhöhung des Lebens aus sind: er ist ebenso als Multiplikator des Elends wie als Conservator alles Elenden ein Hauptwerkzeug zur Steigerung der décadence — Mitleiden überredet zum Nichts!

Nein! Hier redet ihr beide Unsinn, du, genauso, wie Schopenhauer! Die Lehre, dass der Mensch ein böses und schuldiges Sein ist, dieses Lehren, also die mündliche und schriftliche Weitergabe dieser Lüge, sie ist die Praxis des Nihilismus!

Denn diese Lehre vom Bösen Sein des Menschen IST reiner Nihilismus, weil diese antichristliche Lehre doch grundsätzlich „Gott“-Verneinend ist; sie verneint, zerstört und verdirbt das Leben des Menschen nämlich in seiner Tiefe; sie entfremdet den Menschen von sich selber, weil es das Vertrauen unter und zwischen den Menschen untergräbt und zerstört und statt dessen Zweifel und Mißtrauen sät!

Jede Form – und sei es die geheuchelte – von Mitleid, wirkt dem sogar entgegen! – – Dass der Mensch angeblich ein Böses Sein und schuldig ist, er daraus keinen Ausweg findet, das macht in depressiv und lässt ihn am Leben verzweifeln. Es ist dieses Gift der Lüge, was lähmt, vergiftet, tötet und die Lebensbejahung stetig untergräbt und sie schließlich zum Einsturz bringt.

Man sagt nicht „Nichts“: man sagt dafür „Jenseits“; oder „Gott“; oder „das wahre Leben“; oder Nirvana, Erlösung, Seligkeit… Diese unschuldige Rhetorik aus dem Reich der religiös-moralischen Idiosynkrasie erscheint sofort viel weniger unschuldig, wenn man begreift, welche Tendenz hier den Mantel sublimer Worte um sich schlägt: die lebensfeindliche Tendenz.

Schopenhauer war lebensfeindlich: deshalb wurde ihm das Mitleid zur Tugend… Aristoteles sah, wie man weiss, im Mitleiden einen krankhaften und gefährlichen Zustand, dem man gut thäte, hier und da durch ein Purgativ beizukommen: er verstand die Tragödie als Purgativ. Vom Instinkte des Lebens aus müsste man in der That nach einem Mittel suchen, einer solchen krankhaften und gefährlichen Häufung des Mitleides, wie sie der Fall Schopenhauers (und leider auch unsrer gesammten litterarischen und artistischen décadence von St. Petersburg bis Paris, von Tolstoi bis Wagner) darstellt, einen Stich zu versetzen: damit sie platzt…

Nichts ist ungesunder, inmitten unsrer ungesunden Modernität, als das christliche Mitleid. Hier Arzt sein, hier unerbittlich sein, hier das Messer führen — das gehört zu uns, das ist unsre Art Menschenliebe, damit sind wir Philosophen, wir Hyperboreer! — — —